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Wie aus Frust am Schießstand eine App für Sportschützen wurde

15. Juni 2026 · 6 Min. Lesezeit

Es gibt diesen einen Moment im Verein, den vermutlich jeder kennt, der auf Papierscheiben schießt: Du nimmst deine Scheiben mit vom Stand, gehst zur Auswerteanlage, und die Maschine hängt im Selbsttest fest. Bei uns sah das an dem Tag so aus:

Selbsttest der betagten SAM4000-Auswerteanlage im Verein, eingefroren bei „Lampe 97 %"

Unsere Auswerteanlage beim Selbsttest. „Lampe 97 %”. Und genau da bleibt sie gerne auch nach dreimaligem Neustart stehen.

Eine betagte SAM 4000, die mich nach jedem Start mit einem endlosen Selbsttest begrüßt. Genau das hat dafür gesorgt, dass aus einem freien Wochenende eine App für Sportschützen geworden ist. Hier erfährst du, wie alles angefangen hat.

Ein Verein ohne elektronischen Stand

Ich habe vor ca. 9 Monaten im Oktober 2025 angefangen, den Schießsport etwas ernsthafter zu betreiben. Bei uns im Verein gibt es keinen elektronischen Stand. Luftgewehr und Luftpistole auf 10 Meter werten wir mit einer recht betagten SAM 4000 aus, der Anlage vom Foto oben. Die Ergebnisse der Auswertemaschine erfassen wir automatisch in WM-Shot (öffnet in neuem Tab).

Diese Kombi kann alles, was man im Schützenverein braucht. Aber eben nur was der Verein braucht, denn WM-Shot ist eine Software für den Schützenverein. Du als Schützin oder Schütze möchtest wahrscheinlich was anderes: deine eigenen Ergebnisse. Doch die bekommst du selten, und wenn, dann nur als Ausdruck in Papierform mit. Analysen und Statistiken über einen längeren Zeitraum? Fehlanzeige.

Außerdem sieht es so aus, als seien die Tage unserer SAM 4000 gezählt. Ersatzteile gibt es kaum noch, ab und zu findet sich eine gebrauchte Maschine auf entsprechenden Portalen, wenn ein weiterer Verein den eigenen Papierzug-Schießstand auf einen elektronischen Schießstand von z. B. Meyton, Disag oder SportQuantum modernisiert.

Auf der Suche nach der passenden App

Naheliegend also, dass ich nach einer App fürs Handy gesucht habe, die mir die Scheiben automatisch auswertet. So als Backup, falls die Auswertemaschine im worst case bei einem öffentlichen Bürgerschießen mit 100 Teilnehmern ausfällt.

Ich habe mehrere ausprobiert, und an jeder hat mich etwas gestört:

Keine davon war schlecht. Aber keine hat sich richtig nach „das ist mein Werkzeug” angefühlt. Und irgendwann dachte ich mir: So schwer kann die reine Erkennung doch nicht sein. Probiere ich es halt selbst. (Spoiler: sooo einfach ist es dann doch nicht)

Ein Nachmittag, ein Proof of Concept

Also habe ich mich an einem verregneten Samstagnachmittag hingesetzt und einen Proof of Concept (PoC) gebaut. Erst mal ging es mir nur um die reine Erkennung, nichts weiter. Kein großes Projekt, eher ein „Geht das überhaupt?”-Experiment.

Das Ergebnis hat mich selbst überrascht: Die Auswertung stimmte mit unserer SAM 4000 Auswertemaschine auf ±0,1 Ringe überein. Bei einigen Schüssen wurde es sogar richtig interessant: die SAM 4000 gab mir eine 10,8 mit 52 Teiler, meine App eine 10,7. Zuerst habe ich den Fehler bei mir gesucht, aber der Zusammenhang zwischen Zehnteln und Teiler ist vorgegeben, und bei einem Teiler von 52 wäre die 10,7 die korrekte Wertung. Die 10,8 bei der SAM 4000 kommt dadurch zustande, dass sie intern mit einem Kaliber von 4,6 mm rechnet, um Ungenauigkeiten im Druck der Papierscheiben zu berücksichtigen. Hier muss ich noch prüfen, ob ich das in Ring Reader auch so handhaben sollte.

Spannend fand ich vor allem, dass ein an einem Nachmittag zusammengeschraubter Prototyp überhaupt so nah an eine etablierte Auswertemaschine herankommt, was nicht zuletzt auch dank der hohen Auflösung heutiger Handykameras überhaupt möglich ist.

Erkennung von 10 Schüssen mit Luftpistole auf eine Scheibe

Läuft einfach im Browser auf jedem Gerät – ohne Installation

Gebaut habe ich das Ganze von Anfang an als Progressive Web App (PWA). Der Grund war pragmatisch: Ich wollte nichts in einen App Store stellen und nicht zwei Plattformen pflegen. Eine PWA läuft auf jedem Gerät in jedem Browser. Damals lief die Auswertung komplett lokal auf dem Handy, ohne Account, ohne Installation. Einfach die Seite der Ring Reader App öffnen, Scheibe fotografieren, Ergebnis ablesen.

Genau das war mir wichtig: kein Account-Zwang nur fürs Ausprobieren, kein „lade dir erst mal 80 MB runter” und kein mehrmaliges Einreichen bei Apple um nach zwei Wochen endlich einen Bugfix auszuliefern. Auf älteren Handys dauerte die Auswertung mal 30 bis 60 Sekunden. Aber sie lief.

Ich hab’s ins Forum gestellt

Irgendwann war die App so weit, dass ich sie zeigen wollte, um herauszufinden, ob sie anderen auch helfen könnte. Also habe ich einen Beitrag in ein Schützenforum geschrieben, so ungefähr in dem Ton: „Hallo zusammen, ich bin neu, habe diese App hier gebaut, mögt ihr’s mal ausprobieren?” Ehrlich, ohne große Versprechen, mit allen Einschränkungen offen dazugeschrieben.

Die Resonanz hat mich motiviert weiterzumachen. Andere Schützen mit denselben betagten Anlagen, denselben kleinen Ärgernissen, denselben Wünschen ihre eigenen Ergebnisse in einer App zu haben, ihre Historie inkl. Zehntel und Teiler. Genau dieses Feedback hat aus dem Experiment ein Projekt gemacht.

Wo Ring Reader heute steht

Aus dem Nachmittags-PoC ist inzwischen deutlich mehr geworden. Aus der reinen Scheibenauswertung ist dank des Feedbacks vieler früher Nutzer eine richtige App für Sportschützen gewachsen. Heute kann Ring Reader unter anderem:

Und ja, einiges davon läuft heute nicht mehr rein lokal. Wer seine Serien über mehrere Geräte synchronisieren oder an Bestenlisten teilnehmen will, braucht dafür ein Konto. Es gibt inzwischen auch erweiterte Funktionen, die etwas kosten. Aber der Kern ist geblieben: Eine Scheibe fotografieren und auswerten geht nach wie vor direkt im Browser, ohne Installation und ohne dass du dich vorher anmelden musst.

Vom 97-Prozent-Selbsttest zur eigenen App

Wenn ich heute auf das Foto von der alten Anlage schaue, finde ich es eigentlich ganz passend, dass alles damit angefangen hat. Nicht, weil die SAM 4000 schlecht wäre, sie macht ihren Job seit ca. 30 Jahren sehr zuverlässig. Sondern weil dieses „Lampe 97 %” für genau den Moment steht, in dem man denkt: Das muss doch auch schneller und einfacher gehen.

Manchmal reicht so ein Moment und ein freier Nachmittag. Wenn du selbst im Verein mit einer betagten Anlage wertest oder bisher keine App so richtig gepasst hat: probier es einfach mit deiner nächsten Serie aus.

Fotografiere deine nächste Serie und schau, was Ring Reader daraus macht.

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